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Welches Krankheitsbild verbirgt sich hinter dem Begriff IC?

Die Interstitielle Cystitis (IC, Interstitielle Zystitis) ist eine chronische, nicht bakterielle Entzündung der Harnblase. Starker Harndrang, häufiges Wasserlassen – in Extremfällen bis zu 100-mal/Tag - und oft unerträgliche Schmerzen sind die charakteristischen Beschwerden. Zuerst im Bereich der Harnblase angesiedelt, können die Schmerzen im weiteren Verlauf auch andere Organsysteme im Unterleib, wie Genitalien, Oberschenkel, Unterbauch und Rücken mit einbeziehen. Die IC verläuft häufig in Schüben. Der Verlauf der Krankheit ist schwer vorherzusagen. In gravierenden Fällen muss im Endstadium die Harnblase operativ entfernt werden, da sie geschrumpft oder durch Geschwüre zerstört ist.


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Wie unterscheidet sich die IC von einer „gewöhnlichen“ Blasenentzündung?

Im Allgemeinen ist eine Cystitis eine erfolgreich mit Antibiotika zu behandelnde Entzündung der Harnblase. Die IC unterscheidet sich aber wesentlich von der „gewöhnlichen“ Blasenentzündung:

  1. IC wird nicht durch Bakterien verursacht.
  2. IC ist nicht durch die Untersuchung des Urins zu diagnostizieren.
  3. IC spricht nicht auf eine Therapie mit Antibiotika an.

Da der IC keine bakterielle Infektion zugrunde liegt, spricht man von einer abakteriellen oder sterilen Blasenentzündung.


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Welche Veränderungen an der Blase treten bei IC auf und welche Ursachen kann die Erkrankung haben?

Charakteristisch ist eine Schädigung der schützenden Schleimschicht (Glykosaminoglykan(GAG)-Schicht), die die Blaseninnenwand bedeckt, der Schleimhaut und der Muskelschicht der Blase. Oft kommt auch eine Zunahme aktivierter Abwehrzellen (Mastzellen) und Nervenzellen im Gewebe vor. In fortgeschrittenen Stadien der IC kommt es zur Bildung von Geschwüren an der Blasenwand (Hunner’sches Ulcus) sowie zur Blasenschrumpfung.

Nach den Ursachen der Erkrankung wird international an zahlreichen Zentren geforscht. Es gibt unter anderem Hinweise darauf, dass es sich bei IC um eine begleitende Autoimmunreaktion der Harnblase bei chronisch entzündlichen Prozessen im Körper handelt. Bei Autoimmunerkrankungen liegt eine überschießende Reaktion des Immunsystems gegen körpereigenes Gewebe vor, das irrtümlicherweise als zu bekämpfender Fremdkörper angesehen wird. Auch die für IC charakteristische Schädigung der GAG-Schicht wird als Ursache diskutiert. Bislang konnte keine der Theorien zur Entstehung der IC wissenschaftlich belegt werden.


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Kommen auch psychische Ursachen für die IC in Frage?

Es gibt bisher keine gesicherten Hinweise darauf, dass es sich bei der IC ursächlich um eine psychische Erkrankung handelt. Häufig verschlechtern sich IC-Beschwerden aber unter psychischer und/oder physischer Belastung. Auslösende Faktoren für Schmerzschübe können z. B. Stress, Kälte und /oder eine große körperliche Anstrengung sein.

Aktuell werden verschiedene Entstehungsmodelle für das Krankheitsbild IC diskutiert, bislang konnte aber keines davon eindeutig wissenschaftlich belegt werden. Die tatsächlichen Ursachen für die IC sind also nach wie vor unklar.

Dass die IC in vielen Fällen erst in fortgeschrittenen Stadien diagnostiziert wird, erschwert die Ursachenforschung erheblich, da im Nachhinein meist nicht mehr nachvollzogen werden kann, wann und in welcher Reihenfolge die zum Zeitpunkt der Diagnose bestehenden Beschwerden und Begleiterkrankungen erstmals aufgetreten sind.


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Welche Beschwerden beherrschen das klinische Bild der IC?

    Einige oder alle der folgenden Symptome können bei der IC vorhanden sein:
  • Pollakisurie (häufiges Wasserlassen: mehr als 8-mal am Tag - in extremen Fällen müssen die Betroffenen bis zu 100-mal am Tag Wasserlassen. Im Frühstadium oder in leichten Fällen ist das häufige Wasserlassen oft das einzige Symptom der IC)
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen: mehr als 1-mal in der Nacht)
  • Algurie (schmerzhaftes Wasserlassen)
  • Imperativer Harndrang (Gefühl, bei nur gering gefüllter Harnblase dringend zur Toilette zu müssen, was von Schmerzen, Druck oder Krämpfen begleitet sein kann)
  • Schmerzen (geringe bis unerträgliche chronische Schmerzen im Bereich der Harnblase - bei längerem Verlauf können die Schmerzen auch Genitale, Dammregion, Beine, Rücken und Unterbauch einschließen. Männer können zusätzlich unter Schmerzen in Hoden, Hodensack und beim Samenerguss leiden)
  • Dyspareunie (beim Geschlechtsverkehr auftretende Schmerzen, bis zur Unmöglichkeit desselben)
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Welche Menschengruppen können an IC erkranken und wie häufig kommt die Krankheit vor?

IC kann grundsätzlich bei Männern und Frauen jeden Alters und jeder Herkunft auftreten. Mit einem Anteil von ca. 90% sind Frauen deutlich häufiger betroffen als Männer. Besonders oft tritt die Erkrankung bei 42 bis 53-jährigen auf. Vereinzelt sind auch Kinder betroffen.

Es wird geschätzt, dass in Deutschland 15.000 bis 25.000 Erkrankte betroffen sind. Deshalb gehört die IC zur Gruppe der "Seltenen Erkrankungen" - zuverlässige Zahlen fehlen.

Ob die chronische abakterielle Prostataentzündung bzw. das chronische Beckenschmerzsyndrom beim Mann Varianten der IC darstellen, ist noch unklar.


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Gibt es typische Begleiterkrankungen?

    Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die übernormal häufig in Kombination mit Interstitieller Cystitis auftreten. Dazu gehören:
  • Fibromyalgie (durch chronische Schmerzen im Bereich der Muskulatur, des Bindegewebes und der Knochen gekennzeichnete Erkrankung mit typischen Schmerzpunkten)
  • Chronisches Müdigkeitssyndrom (auch chronic fatigue syndrome (CFS) - charakteristisch sind eine lähmende geistige und körperliche Erschöpfung sowie weitere Symptome, wie Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Empfindlichkeiten der Lymphknoten sowie die anhaltende Verschlechterung des Zustands nach Anstrengungen)
  • Polyneuropathie (entzündliche oder degenerative Nervenerkrankung)
  • Migräne
  • Allergische Reaktionen
  • Probleme des Magen-Darm-Trakts (z. B. das Reizdarmsyndrom)
    Außerdem scheint es bei bis zu 40% der IC-Patienten einen Zusammenhang zwischen der IC und einer Autoimmunerkrankung zu geben. Dazu gehören:
  • Das Sjögren-Syndrom (Versiegen der Sekretion von Tränen- und Speicheldrüsen)
  • Rheumatoide Arthritis/RA (häufigste entzündliche Gelenkerkrankung - auch bekannt als chronische Polyarthitis/cP)
  • Lupus erythematodes (entzündlich-rheumatische Erkrankung, die Bindegewebe, Haut, Gelenke, verschiedene Organe, Schleimhäute, Gehirn und Wände von Blutgefäßen betreffen kann)
  • Sklerodermie (systemische Autoimmunerkrankung mit fortschreitender Verhärtung der Haut und der inneren Organe)
  • Hashimoto-Thyreoiditis (entzündliche Autoimmunerkrankung der Schilddrüse)
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Wie wird IC diagnostiziert?

Im Anfangsstadium ist die IC schwierig zu diagnostizieren, da objektive Befunde fehlen. Alle Laboruntersuchungen einschließlich der Urinuntersuchung sind normal. Die Diagnosestellung erfolgt deshalb zunächst durch Ausschluss von anderen Diagnosen (sog. Ausschlussdiagnostik), d. h. von Erkrankungen, die ähnliche oder gleiche Beschwerden verursachen, für die es aber gesicherte Diagnoseverfahren gibt. Auszuschließende Erkrankungen sind vor allem:

  • Bakterielle Blasenentzündung
  • Harnwegstuberkulose
  • Nieren- oder Blasensteine
  • Tumoren der Harnwege
  • Syndrom der überaktiven Blase/over active bladder (OAB)
  • Neurogene Blasenfunktionsstörungen

Zum Nachweis einer fortgeschrittenen Interstitiellen Cystitis können eine Blasenspiegelung und eine Blasenwandbiopsie (Entnahme und Untersuchung von Blasengewebe) nötig werden.


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Ist die IC heilbar?

Das Krankheitsbild der IC ist kausal (ursächlich) noch nicht behandelbar. Diese Tatsache belastet alle – Patienten, Arzt und auch Angehörige.

    Mittlerweile stehen jedoch Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die die Symptome der IC lindern und so zum Erhalt einer soliden Lebensqualität beitragen können. Dazu gehören:
  • Mittel gegen Depression (Antidepressiva)
  • Krampflösende Medikamente
  • Schmerzmittel
    Zudem gibt es Medikamente, die in die Blase eingespritzt werden (Instillationstherapie). Diese Lösungen dienen der Wiederherstellung der GAG-Schicht (Glykosaminoglykan-Schicht = Innere Schutzschicht der Harnblase), die bei der IC zerstört ist:
  • Chondroitinsulfat
  • Hyaluronsäure
  • Kombination aus Chondroitinsulfat und Hyaluronsäure
  • Pentosanpolysulfat-Natrium
  • DMSO (Dimethylsulfoxid)

Der Einsatz vieler zum Erhalt der Lebensqualität hilfreicher Therapien wird nach wie vor häufig durch unzureichende Rahmenbedingungen für die IC-Versorgung verhindert.